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Jürgen Tetzlaff
ENIGMA
2. September - 2. Oktober 2016

Enigma – das titelgebende Wort griechischen Ursprungs für Rätsel beinhaltet immer auch die Suche nach dem Schlüssel, um eine codierte Chiffre auf ihren eigentlichen Inhalt hin zu prüfen. In der Einzelausstellung von Jürgen Tetzlaff im kjubh Kunstverein knüpft sich daran unweigerlich die intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand als Träger einer vermeintlich dahinterliegenden Botschaft.

Dieser bewusst gewählte Titel des in Köln lebenden Künstlers gewährt textuell einen ersten Einblick in das komplexe OEuvre, das konzeptuell mit der Abbildung auf der Einladungskarte beginnt und visuell den Ausgangspunkt der Ausstellung markiert. Das großformatige ölgemälde Komplex aus 2016 mit seinem eigenwilligen und reichen Farbkosmos negiert die Figuration und lehnt sich formal an den Tachismus an, der sich in den 1940er Jahren aus dem französischen Informel in Paris entwickelte. Die visuelle Dichte des Gemäldes, das stolz dem Betrachter seine facettenreichen, von wirkungsvollem Orange kontrastierten Blaunuancen offeriert, mündet schließlich in einer Vielzahl von grünlichen Farbfeldern, punktiert von gelben und weißen Tupfern. Trotz des gestisch expressiven Pinselduktus‘ des Künstlers scheint das Bild ohne kompositorisches Zentrum und zeichnet sich vielmehr durch die Gleichwertigkeit aller Elemente im Bild aus. Gleichsam verhindert die Harmonie den neuronalen Impuls, die ’Farbflecken‘ zu einem erkennbaren Gegenstand zu montieren. Sobald das Auge ein Muster zu erkennen glaubt, durchbricht ein scheinbar zufällig gesetzter Strich oder ein kleines komplementäres Farbfeld dieses Bemühen und führt den Betrachter subtil in eine neue Art der Bildbetrachtung. Mit der Negation der Montage zu konkreten Bildgegenständen führt Jürgen Tetzlaff den Rezipienten tiefer in seinen künstlerischen Kosmos. In diesem wohnt der zweidimensionalen Oberfläche eine melancholische Poesie inne. Dabei ist es unwesentlich, ob dezidierte literarische Impulse, reale Begebenheiten oder die intensive Reflexion zwischenmenschlicher Beziehungsgefüge als Inspirationsquelle bekannt sind. Die Gemälde Tetzlaffs besitzen eine Kraft, die vom Betrachter unmittelbar erfasst wird, die gleichermaßen eine intensive Studie fordert, ohne etwas von ihrer dynamischen Unmittelbarkeit zu verlieren.

Dagegen wirken die kleinformatigen Zeichnungen mit schwarzen Stift auf weißen Papier, in die sich primär die Farben rot, blau und grün mischen, als wollte Jürgen Tetzlaff kleine verschlüsselte Nachrichten übermitteln. Die feinen Schraffuren mit ihren kurzen stakkatohaften Strichen der motivisch mehr- bzw. uneindeutigen Zeichnungen wecken formalästhetisch Assoziationen an die Dessins automatiques, eines der künstlerischen Verfahren der Surrealisten, das einen ungebrochenen Zugang zum Unterbewusstsein gewährleisten sollte. Im Zuge des ’psychischen Automatismus‘ entstanden die so genannten Cadavre Exquis, Ecriture automatique und Dessins automatiques, die als literarische und bildnerische Techniken begriffen wurden, um das Unterbewusste zu aktivieren und zu visualisieren. (1) Das rationale Denken und die Kontrolle durch den Geist sollten für die künstlerische Produktion weitestgehend ausgeschaltet werden, was man u. a. durch die Anwendung von Hypnosetechniken, Séancen, Schlafentzug beziehungsweise arbeiten im Halbschlaf, Spontanität oder Assoziationsketten zu erreichen suchte. (2)

Jürgen Tetzlaffs zeichnerische Arbeiten oszillieren zwischen geometrischer Ordnung und spontaner Skizze, welche die begonnene Geschichte in ihrer intendierten Narration selbst zu konterkarieren trachtet, und unterstreichen damit den unbewussten Teil der Werke. Hingegen scheint die Wahl des Titels Tom und Jerry aus 2014, des konzeptuell zentralen Blattes für die ausgestellten Zeichnungen, sinnbildlich auf einen gezielt gelenkten Teil des Dargestellten zu verweisen. Obwohl keiner der weltberühmten Comic-Kontrahenten auf dem Exponat zu erkennen ist, unterstreicht der Titel die überspitzung einer natürlichen Ordnung, in der die Katze die Maus jagt. Darüber hinaus impliziert die innergeschichtliche Umkehrung, in der stets die Maus die Katze überlistet, deren geistige überlegenheit bei gleichzeitiger körperlicher Unterlegenheit. Folgt der Rezipient der Spur des Titels, der die unsichtbare Geschichte in den Vordergrund stellt, offenbart sich die feinsinnige Konzeption des Künstlers. Betrachtet man die Zeichnung selbst, tritt die enigmatische Unmittelbarkeit mit aller Kraft in Erscheinung.

Nadia Ismail (1) Vgl. u.a.: Nadeau [1965]; Schneede, Uwe: Malerei des Surrealismus, Köln 1973; Spies, Werner; Merly, Isabelle: Die surrealistische Revolution. Ausst.-Kat. Surrealismus 1919 - 1944 K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 20. Juli bis 24. November 2002 u.a. Ostfildern 2002.; Spies, Werner: Der Surrealismus. Kanon einer Bewegung. Köln 2003; Schneede, Uwe: Die Kunst des Surrealismus. München 2006.
(2) Vgl. Poivert, Michel: Gedankenbilder. In: Bajac, Quentin (Hrsg.): Subversion der Bilder. Surrealismus, Fotografie, Film. Ausst.-Kat. Subversion des images Fotomuseum Winterthur u.a. Winterthur 2010. S. 43–48, 43 sowie Schneede [2006], S. 23–32.

(Ausstellungs-Ansichten)