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TILO RIEDEL/ KJUBH/
SCHICHTEN KÄLTERER
LUFT/ BETTEN MACHEN
ENTRECHTETEN/ EXTRA
WURST BOCK AUF GRILL
1.April – 30. April 2017


Ein Geschäft mit Träumen - Tilo Riedel im kjubh

"Die Großen sorgen für das Essen. Ihnen gehören die Betten, darin man schläft." (Robert Walser) Als ein Bild erstarrter Unruhe hat Tilo Riedel im Kunstverein kjubh ein Bettenlager eingerichtet. Es sind jedoch nicht die hochpreisigen Edelmatratzen, die hier zum Probeliegen ausgestellt sind. Eher schon gemahnt die Installation an eine Vorstellung des Lagers als einem Ort, an dem Normalität suspendiert ist. Aufgerufen wird das Lager als Dispositiv der Jetztzeit, eine politisch-juridische Grauzone. Die assoziationsreiche Arbeit von Tilo Riedel erschöpft sich jedoch nicht in einer bildhaften Kommentierung der aktuellen gesellschaft-lichen Verwerfungen angesichts hilfesuchender Menschen in den Wohlfühlzonen unserer Breitengrade. Wohl aber könnte von Erschöpfung die Rede sein. Gleichsam stationär reagiert Riedel inmitten des urbanen Getöses auf das Neben- und Gegeneinander der Dinge, auf das instabile Verhältnis zwischen unseren Innenwelten und der Welt da draußen. Die Werkbestandteile sind entsprechend eines zugrunde liegenden spekulativ-gedanklichen Entwurfs zusammengestellt und lassen sich als ein dreidimensionales subtil erhellendes Bild verstehen. Der Titel der Ausstellung von Tilo Riedel im kjubh e.V. setzt sich zusammen aus den einzelnen Arbeiten, mit denen der Künstler den Ausstellungsraum bestückt hat. Im gleichen Atemzug bildet er jedoch auch eine eigenständige Wortfolge, die, ob ihrer literarischen Konnotationen, einen je spezifischen Assoziationsraum zu eröffnen vermag.

Dominiert wird der intime Raum des Kunstvereins von einer aus der Ordnung geratenen chaotisch anmutenden Anhäufung kleiner schematischer Bettgestelle aus handelsüblichen braun gefassten Kupferrohren. Platziert sind sie auf einer leicht ansteigenden Anordnung von EURO-Paletten, die den Boden des Raums nahezu vollständig abdecken. Aus den Gestängen ragt ein vereinzelter Putzwagen hervor. Ein kaputter Schirm, eine Plastikflasche und ein Sammelsurium von Kabeln, Adapter und Netzstecker vervollständigen das Tableau. Diese Anhäufung zunächst banaler und beiläufiger Utensilien unseres vertrauten Alltags, die jedes für sich kaum übermäßige Beachtung hervorrufen dürfte, gerät durch den gezielt kombinierenden Zugriff des Künstlers zur Folie, um den moralischen Zwiespalt aufzeigen zu können, in dem unser gesellschaftliches Leben sich immer wieder verfängt. Wir wissen, was geschieht, wir kennen die Verflechtungen globaler Ausbeutungsstrukturen. Als Profiteure des Status Quo akzeptieren wir jedoch über weite Strecken den mehr als offensichtlichen Verblendungszusammenhang. Der wache und aufmerksame Blick Riedels fördert die Brüche und Widersprüche in unserem Selbst- und Weltbild anhand verstörender Beobachtungen zu Tage. Hinweise bieten selbst die unscheinbarsten Sprachverwendungen im öffentlichen Raum. Einige Fundstücke mit zum Teil geringfügigen Interventionen des Künstlers hängen als s/w-Bilderstrecke im Entrée-Bereich des Ausstellungsraums. Von luxuriösem Schlafambiente bis zum Hotel SUN reicht die Palette und verspricht ein wohliges gesättigtes Wegdämmern. Mit seinen Bildfindungen gelingt es dem Künstler auf mitunter subtil ironische Weise die einlullend repräsentativen Sprechweisen des Öffentlichen durch intime, authentische Tonlagen in die Parameter individueller Erfahrung zurückzuübersetzen.

Tilo Riedels Kunst spricht nicht allein durch die Motive an, sondern auch durch die Haltungen, in die man durch die Objekte und Bildermetaphern hineingerät. Durch die Art der Aufstellung erzeugen die Arbeiten eine Resonanz von Gefühlen, und dies ist ein nicht unwesentliches Moment seiner Strategie, wie er die Installation mit Erzählerischem anreichert. Seine suggestiven Bildschöpfungen sind demnach gleichsam konfrontierend wie angehend. Rebellisch, provokant und polarisierend treten auch seine textlichen Einlassungen dem betreuten Reden in politischen Talkshows entgegen. Wortschöpfungen wie bildnerischen Werke sind in ihren Realismen dem Alltag so nahe und weisen dennoch weit über ihn hinaus. Die Verwendung einer freien künstlerischen Stilistik gerät in das Visier ihrer gesellschaftlichen Relevanz. Vorgeführt wird die Realität als eine Grimasse des Realen. Verhandelt wird der unerträgliche Sachverhalt, dass es da draußen tatsächlich irritierende Dinge gibt. Dabei leben wir im postmodernen Zeitalter, in dem Wahrheitsansprüche per se als Ausdruck verborgener Machtmechanismen verworfen werden. Es sind jedoch zumeist weniger die puren plastischen Formen, die in unserem Gedächtnis haften bleiben, als vielmehr Geschehnisse, Begegnungen oder Stimmungen, die wir mit diesen beiläufigen Utensilien verbinden. Möglicherweise ist es gerade dieses fragwürdige Ins-Verhältnis-Setzen zur Erwartungshaltung der Betrachterinnen, auf welchem der eigentümliche Reiz der Arbeiten von Tilo Riedel gründet. Es sind gleichsam dynamische Spekulationen über spielerische Möglichkeiten in einem nicht ganz durchsichtigen Akt von Filtrationen aus dem Alltagsgeschehen. Was die Arbeiten dabei in hohem Maße auszeichnet, ist das Einhalten einer Balance zwischen dem reflektierten Einsatz der Mittel und dem Ausloten der Grenzverläufe hin zum Eigenleben des vermeintlich Unbelebten um uns herum, einem Spiel mit Distanz und Nähe, Variationen über ein Thema. Zu fragen bliebe, ob ein Leben denkbar ist, das einem nicht als Besitz, sondern zum Gebrauch gegeben ist. Die begossenen drei Putten-Köpfe über dem ‘Notausgang’ des Kunstvereins geben dabei nur bedingt Anlass zur Hoffnung. Nur schwer werden sie ihrer Aufgabe gerecht, die Seelen so achtsam wie möglich zu lenken.

Harald Uhr

(Ausstellungs-Ansichten)